Der Weg: Rottenburg - Straßburg

Ein alter Pilgerweg aus dem oberen Neckargebiet führte nach Einsiedeln in der Schweiz. Er folgte der alten Römerstraße Rottenburg (Sumelocenna), Rottweil (Arae Flaviae), Hüfingen (Brigobane), Windisch (Vindonissa). Um die Zelle des 861 ermordeten Einsiedlers Meinrad bildete sich anfangs des 10. Jahrhunderts eine Klausur-Gemeinde. Die Wallfahrtskirche "zur Heiligsten Jungfrau Maria von Einsiedeln" war auch Sammelpunkt für die Pilger-Reise nach Santiago de Compostela.

Auf der einstigen Römerstraße verbreitete sich von Süden nach Norden, von St. Gallen und der Reichenau das Christentum in unseren Raum. So ist der Ort Glatt im Glatt-Tal bereits um die Zeit 731/736 in einer Schenkungsurkunde des Stiftsarchiv St. Gallen erwähnt.1 

Eine sehr frühe Christianisierung muss aber auch von West nach Ost erfolgt sein. Das alte Dekanat Kirnbach (Stadt Wolfach) im ehemaligen Herzogtum Schwaben aus dem Jahre 1275 reichte vom "Schottenkloster" Gengenbach bis nach Ostdorf bei Balingen.2 Die Anfänge des Klosters gehen bis in die erste Hälfte des 8. Jh. zurück. Der erste Konvent des Schottenklosters wurde wohl vom Kloster Gorze bei Metz gebildet.3 Zur Ausbreitung des Christentums wurde auch hier die frühere Römerstraße von Straßburg (Argentorate) über Schiltach, Brandsteig, Rottweil (Arae Flaviae) benutzt; denn im Mittelalter wurden selten neue Heerstraßen angelegt.4 Viele Orte nahe an unserem Jakobusweg sind unter dem Dekanat Kirnbach, später Sulz und Rottweil, aufgeführt, so Unterwolfach, Oberwolfach, Schiltach, Schenkenzell, die Benediktiner-Abtei,  Alpirsbach, Schömberg (Gemeinde Loßburg), Unterbrändi, Dornhan, Bettenhausen, Glatt. Es ist daher naheliegend, dass Pilger aus unserem Raum sich auch Pilgergruppen aus dem Kinzigtal anschlossen, wenn sich eine Gelegenheit anbot.

Ein bedeutender Hinweis auf die Ausbreitung des Christentums über das Kinzigtal liefert auch die Verehrung von St. Brigida. Als im Jahre 1955 in Bettenhausen anlässlich einer Kirchenrenovation ein aus Bruchsteinen gemauerter Altar abgebrochen wurde,  fand man in der kleinen Reliquiengruft des Altartisches, in dem sogenannten Sepulchrum (lat. sepulcrum = Grabstätte) ein Bleikästchen, das aus einem einzigen Blatt geschnitten ist - in der Größe 7 cm lang, 5,5 cm breit und 4,5 cm hoch. Es befindet sich heute im Diözesan-Museum Rottenburg. Das Reliquien-Kästchen trägt eine lateinische Inschrift. In der Übersetzung lautet sie: " Im Jahre 1089 [nach] der Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus, am 26. November, wurde diese Kirche geweiht zu Ehren der heiligen und ungeteilten Dreieinigkeit und zu Ehren des heiligen und siegreichsten Kreuzes sowie des heiligen Apostels Andreas, der heiligen Pankratius, Georg, Tyburtius, Otmar und der [heiligen] Brigida."

Mit diesem Text befasste sich der Tübinger Professor Dr. Hermann Tüchle. Nach ihm haben die genannten Heiligen einen engen Bezug zu dem Kloster Hirsau, außer der heiligen Brigida, der National-Heiligen Irlands. Sie könnte an eine irische Mission in der Gegend erinnern oder an eine Beziehung zum elsässischen Kloster Honau bei Straßburg sein. Die irischen Missionare und Mönche dieses sogenannten Schottenklosters verbreiteten hauptsächlich am Rhein und in Süddeutschland die Verehrung von St. Brigida.5

Die Heilige war eine Schülerin von Sankt Patrick (lat. Patrizius), dem National-Heiligen Irlands. Sie ist 453 in Irland geboren. Mit 14 Jahren wurde sie Nonne im Kloster Meath. Später gründete sie selbst mehrere Klöster, als bedeutendstes Kildare, westlich von Dublin. Sie lebte dort in einer Hütte unter Eichenbäume. Daher kommt auch der Ortsname; denn "Kill-dare" heißt im Gälischen Zelle der Eichen. Hier sammelte sie zahlreiche Schülerinnen um sich, deren Äbtissin sie wurde. Brigida starb am 1. Februar 523 und wurde in Kildare beerdigt. Verehrt wird sie mit St. Patrizius in der St. Patrick-Kathedrale in Dublin.  Im 8. Jahrhundert kamen Teile ihrer Reliquien nach Honau im Elsass.6

Das Leben der heiligen Brigida fällt in die Anfangszeit der Christianisierung Irlands. Die Missionare mussten sich mit den heidnischen Vorstellungen des Volkes auseinandersetzen und althergebrachten Gebräuchen neuen Sinn geben. Mit einer totalen Abschaffung des alten Brauchtums war kein Erfolg zu erzielen. So nimmt man an, dass die 19 Nonnen, die in Kildare das heilige Feuer der "St. Brigit" bewachten, an Stelle eines keltischen Vestalinnenordens traten  [Vesta = Göttin des Herdfeuers]; denn bei den heidnischen Kelten hieß die Herdgöttin ebenfalls Brigit.7

Das heilige Feuer in Kildare brannte bis ins Jahr 1220. Daher wird die heilige Brigida auch mit einer Feuer- Flamme über  dem Haupt, einer Lampe oder einer Kerze dargestellt. Die Gemeinde Wälde hat 1957 im Hinblick auf ihr Breitenauer Brigida -Kirchlein eine brennende Kerze in das Gemeindewappen aufgenommen.

Brigida wird auch als Äbtissin im Gebet, mit Enten oder Gänsen, mit Ähren oder Brot und Weintrauben dargestellt. Sie wurde zur Patronin der Kinder und Wöchnerinnen, gegen Unglück und Verfolgung, aber auch des Geflügels und des Viehs.

In der näheren Umgebung unseres Jakobusweges finden sich nun mehrere Orte mit nachgewiesener Brigida-Verehrung, die auf den Einfluss des Schottenklosters Honau bei Straßburg zurückzuführen ist. Das Kloster wurde um 720 vom elsässischen Herzog Adalbert gestiftet und 1398 nach Straßburg, Alt St. Peter, verlegt.8

In Diersheim (Stadt Rheinau) ist die Kirche zur Hl. Brigida 1241 erwähnt. Sie dürfte unter Honauer Einfluss gegründet worden sein. Patronats- und Zehntherren waren das Kloster Honau und seine Nachfolgekirchen. Der Ort war bischöflich- straßburgisches Lehen.9 In Rheinau ist 1331 ein Brigida-Altar genannt.10 In Niederschopfheim (Hohberg) besaß das Kloster Honau Güter, das Schottenkloster Gengenbach einen Dinghof. Im 13. Jh. war die Ortsherrschaft  Lehen der Straßburger Bischöfe, deren Rechte möglicherweise auf das Kloster Honau zurückzuführen sind. Die 1318 genannte Pfarrkirche ist St. Brigida geweiht.11 In Urloffen (Verwaltungsraum Appenweier) ist 1666 eine Feldkapelle St. Brigidas erwähnt.12 Bei einem Brigida-Fest mit Prozession in Neukirch ob Rottweil handelt es sich um ein Bruderschaftsfest, das auf eine alte und enge Beziehung der Gemeinde Neukirch auf Alpirsbach zurückgeht.13 

Im Raum Loßburg / Dornhan wurde bereits auf die Brigida-Kirche in Breitenau-Wälde hingewiesen, ebenso auf das Reliquien-Kästchen aus dem Jahre 1089 mit der Erwähnung von St. Brigida in Bettenhausen. In Lombach (Gemeinde Loßburg) ist im Jahre 1543 ein Brigida-Brunnen bei der abgegangenen Kirche "Unserer lieben Frauen" im Fischbachtal genannt.14 Aus dem Jahre 1497 liegt ein Dokument über einen Brigitta-Altar [Brigida] von der einstigen Markt-Kapelle Rottenburg vor.15 Heute steht dort der Dom.

Im Dekanatsraum Kirnbach, der - wie bereits angeführt - bis Ostdorf bei Balingen reichte, ist in der Nikolaus-Kapelle auf dem Marktplatz Balingen "in der Ringmauer" aus dem Jahre 1412 ein Altar mit St. Brigitta [Brigida] bekannt.16 Im hohenzollerischen Heiligenzimmern wurde im Jahre 1847 im Altarstein der  Patriziuskirche eine etwa 20 cm lange, schmale Pergamenturkunde aus der Zeit 1034 - 1047gefunden. Darin sind die Heiligen erwähnt, zu dessen Ehre die Kirche damals erbaut wurde. Aufgeführt ist der Apostel Petrus, Fabian, Patrizius, Martinus und Brigida.17 So ist neben dem Kirchenpatron Patrizius, der Nationalheilige Irlands, auch seine Schülerin Brigida urkundlich genannt. 

Auf dem Jakobusweg Rottenburg - Straßburg pilgern wir also nach all den genannten urkundlichen Nachweisen auf frühen christlichen Spuren.

Literaturnachweis:

   1vgl. Urkundenbuch der Abtei Sanct Gallen, Teil1, Jahr 700 - 840,

    Zürich 1863, S. 6f

     vgl. Sulz, Alte Stadt am jungen Neckar, Sulz 1984, S. 397

  2vgl. Erzbischöfliches Archiv Freiburg: Ha 56, S. 6a - 9a

         Freiburger Diöcesan-Archiv, Erster Band, Freiburg 1865, S. 35 - 42

  3vgl. Das Land Baden-Württemberg, Bd. VI, Stuttgart 1982, S. 322

  4vgl. Keinath, Walther, Orts- und Flurnamen in Württemberg, Stuttgart 1951, S. 136

  5vgl. Tüchle, Hermann, Eine Kirchweihenachricht aus dem Jahre 1089, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, XV (1956), S. 132f

   vgl. Saile, Hans, Die Heilige Brigida und die Auseinandersetzung zwischen Christentum und Heidentum - Festvortrag zur 900-Jahre-Kirchweihefeier,

         Bettenhausen am 02.09.1989 in: Glatter Schriften 4, Sulz 1989, S. 4 - 24 und in der Homepage unter Bettenhausen 1989 (mit ausführlichen

         Anmerkungen)

  6vgl. Clauss, Joseph M.B., Die Heiligen des Elsass, in: Forschungen zur Volkskunde, Heft 18/29, Düsseldorf, S. 142 -144 und 234

  7vgl. Verhagen, Britta, Götter, Kulte und Bräuche der Nordgermanen, Tübingen 1983, S. 222

  8vgl. Clauss, Joseph M.B., Die Heiligen des Elsass, in: Forschungen zur Volkskunde, Heft 18/29, Düsseldorf, S. 74 und S. 143f

  9vgl. Das Land Baden-Württemberg, Bd. VI, Stuttgart 1982, S. 408f

10vgl. Clauss, Joseph M.B., Die Heiligen des Elsass, in: Forschungen zur Volkskunde, Heft 18/29, Düsseldorf, S. 144

11vgl. Das Land Baden-Württemberg, Bd. VI, Stuttgart 1982, S. 397

        Clauss, Joseph M.B., Die Heiligen des Elsass, in: Forschungen zur Volkskunde, Heft 18/29, Düsseldorf, S. 143

12vgl. Das Land Baden-Württemberg, Bd. VI, Stuttgart 1982, S. 305f

        Clauss, Joseph M.B., Die Heiligen des Elsass, in: Forschungen zur Volkskunde, Heft 18/29, Düsseldorf, S. 143

13vgl. Pfarrarchiv Neukirch o.R.

14vgl. Hauptstaatsarchiv Stuttgart: H 102/63, Bd. 39, fol. 8a

15vgl.Hoffmann, Gustav, Kirchenheilige in Württemberg, Stuttgart 1932, S. 158f und 265

        Clauss, Joseph M.B., Die Heiligen des Elsass, in: Forschungen zur Volkskunde, Heft 18/29, Düsseldorf, S. 144

16vgl. Hoffmann, Gustav, Kirchenheilige in Württemberg, Stuttgart 1932, S.138 und 265

17vgl. Hodler, Franz Xaver, Geschichte des Oberamts Haigerloch, Hechingen 1928, S.759 und 764

Loßburg. September 2005

                                                                                                                                                           Hans Saile