„Das Alter ist relativ“
Beim Leseabend am Marmorwerk ging es um Politik, Wissenschaft und eine Heldin
Der Altersdurchschnitt im Garten des Horber Jugendhauses war an diesem Abend nicht unbedingt jugendlich: „Das Alter ist relativ“, so brachte die Dekanatsreferentin Elisabeth Wütz diesen Umstand zu Beginn passend zum Thema der Veranstaltung des Katholischen Dekanats Freudenstadt und der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) im Landkreis Freudenstadt auf den Punkt. Unter dem Motto „Jung trifft alt“ präsentierten am Mittwoch, 17. Juni 2026, beim 21. Leseabend drei Menschen aus der Region ihre Lieblingsbücher.
Auch wenn das Alter doch leicht überwog, konnte die Dekanatsreferentin mit Iva Rigotti aus dem Jugendgemeinderat die jüngste Akteurin, mit dem Stadtmusikdirektor und Kulturmanager Sven Gnass einen Junggebliebenen und mit dem Mathematiker Prof. Dr. Rainer Nagel einen „Vertreter der jungen Alten“ ankündigen. Und diese Mischung war so spannend, wie sie anmutete. Den Rest für einen gelungenen Abend taten die Atmosphäre des von der keb-Leiterin Iris Müller-Nowack als „idyllischer Ort“ gelobten Marmorwerk-Gartens und die kleinen Musikstücke von Dmitri Borissowitsch Kabalewski, die Kirchenmusikdirektor Karl Echle virtuos am Piano zum Besten gab. Die tonale, eingängige und volkstümliche Musik aus dem Zyklus „15 Kinderstücke für Klavier“ des russischen Komponisten hatte Karl Echle passend zum Abend ausgesucht. Die kurzen Werke leiteten auch gut zum ersten Vorleser über. Denn Kabalewski wuchs als Sohn eines Mathematikers auf.
Manchen wich dann ganz kurz die Farbe aus dem Gesicht als Prof. Dr. Rainer Nagel mit seinem Buch „One-Parameter Semigroups for Linear Evolution Equations“ angekündigt wurde. Ein wissenschaftliches Buch – und auch noch auf Englisch? „Das versteht wohl kaum einer hier in Horb“, hatte der emeritierte Mathematik-Professor ein Einsehen und hielt doch auch Wort: Mit einem Ausschnitt aus „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil las er das Präludium seines Buches vor und präsentierte gleichzeitig genauso spannende wie schwer verdauliche Gedanken über Mathematik. Zum Beispiel: „Es ist den meisten Menschen heute ohnehin klar, dass die Mathematik wie ein Dämon in alle Anwendungen unseres Lebens gefahren ist“ oder „Es geht in der Wissenschaft so stark und unbekümmert und herrlich zu wie in einem Märchen“. Und letztlich machte die Ansicht des Zahlenteufels aus dem Jugendbuch „Der Zahlenteufel“ von Hans Magnus Enzensberger durchaus nachdenklich: „Die meisten Mathematiker können überhaupt nicht rechnen. Dazu haben sie keine Zeit. Es gibt doch Taschenrechner!“
Ein äußerst berührendes Buch hatte Iva Rigotti im Gepäck: „Ich bin Malala“ von Malala Yousafzai. Am 9. Oktober 2012 fiel die pakistanische Frauen- und Kinderrechtsaktivistin fast einem Taliban-Attentat zum Opfer, das sie nur noch stärker gemacht hat: „Malala, du hast dem Tod ins Auge geblickt. Dies ist dein zweites Leben. Hab keine Angst, sonst kannst du nicht weitermachen.“ Iva Rigotti las auch aus der bewegenden Rede vor den Vereinten Nationen, in der Malala Yousafzai betonte, dass Bildung der Schlüssel zu Frieden und Freiheit sei: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern.“ Sie appellierte an die Weltgemeinschaft, allen Kindern – insbesondere den Mädchen – Zugang zu Bildung zu ermöglichen, denn Bildung sei mächtiger als Gewalt. Und auch Iva Rigotti machte sich zum Abschluss für das weibliche Geschlecht stark: „Auch in Deutschland sind Frauen de facto noch nicht gleichberechtigt!“
Als Vertreter des Oberbürgermeisters Michael Keßler und als einen „der mit viel Tiefgang Horb prägt“ – so kündigte Elisabeth Wütz den dritten Akteur an. Sven Gnass hatte aus gutem Grund das Buch „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ dabei: „Helmut Schmidt ist eine Person, die mich in meinem Leben sehr geprägt hat“, betonte der Wahl-Horber, der wie Schmidt ein waschechter Hamburger ist. In diesem Buch sind die Gespräche abgedruckt, die Giovanni di Lorenzo mit dem Altkanzler jeden Freitagmittag auf eine Zigarette geführt hat. Wortgewandt und knochentrocken antwortete Schmidt auf die Fragen, beispielsweise, wie lange es dauert, bis man ein Ministerium in den Griff bekommt. Die Antwort: „Es geht ein Vierteljahr. Es gibt aber auch Minister, die es nach vier Jahren noch nicht geschafft haben.“ Von Mark Aurel ließ sich Schmidt Gelassenheit und Pflichterfüllung lehren, was den Soldaten Schmidt in dunklen Zeiten auch die „paradoxe Situation“ zwischen Hitler-Kritik und Befehlserfüllung meistern ließ. Dazu passte der Abschnitt über Schmidt Dirigenten-Freund Herbert von Karajan gut, der sehr früh in die NSDAP eingetreten ist und von Helmut Schmidt verteidigt wurde: „Es gibt viele Künstler und Autoren, die sich mit dem Regime arrangierten, um musizieren, ihre Bilder ausstellen oder ihre Romane gedruckt sehen zu können. Ich würde daraus keinen moralischen Vorwurf ableiten wollen, es sei denn, einer hat etwas Verwerfliches produziert. Dergleichen ist mir aber bei Karajan nie zu Ohren gekommen.“
18.06.2026 | Text & Fotos: Volker Schmid


